Vorstellungen von und Vordenken für Flüchtlinge

Wir Europäer und ganz besonders Österreicher haben in den letzten zehn Monaten im Durchschnitt mindestens einmal pro Tag das Wort “Flüchtling” gehört – und das ist eine vorsichtige Schätzung. Bei “interessierten” Mitbürgern, wozu ich mich selbst zählen würde, ist dieser Schnitt wahrscheinlich noch viel höher. Gleichzeitig haben wir alle mit echten Flüchtlingen aus Fleisch und Blut wahrscheinlich um einiges seltener zu tun gehabt.

Dieses Missverhältnis zwischen mentalen Vorstellungen, die quasi per definitionem (gute als auch schlechte) Vorurteile sind, und Treffen mit realen Menschen hat dramatische Konsequenzen für unseren Umgang mit Flüchtlingen in der Gesellschaft.  Er hat es möglich gemacht, dass wir auf “beiden” Seiten, der Pro als auch der Contra Flüchtlingsaufnahme, (Wahn)vorstellungen haben, die mit der echten Situation von Menschen auf der Flucht und ihren Bedürfnissen wenig zu tun hat.

Ich sehe mich keineswegs als Ausnahme. Als politisch aktiver Mensch habe ich in der Schule mit Klassenkameraden mehrere Male mögliche Umgangsweisen mit den “Flüchtlingsströmen” besprochen – alles weit entfernt vom tatsächlichen Geschehen und wo unsere Gedanken tatsächlich einen Unterschied gemacht hätten. Mit diesen “unglaublich ausgeklügelten” Ideen allerdings möchte ich Sie, geschätzte Leser, nicht langweilen.

Egal ob jetzt noch tausende mehr kommen oder kein einziger, echte Menschen sind schon hier und leben unter und mit uns. Wie wir mit diesen Menschen umgehen ist eine viel relevantere und realitätsbezogene Frage als jeglicher politischer Diskurs. Genau diese Thematik ist es aber auf welche so gut wie nie medial eingegangen wird – abgesehen der Berichterstattung von rechstradikalen Aktionen und Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte.

Ich habe selbst keine “Antwort” auf diese Frage und mangelnde Praxis qualifiziert mich nicht eine zu formulieren. Allerdings würde ich gerne einen zentralen Gedanken noch loswerden, der meiner Meinung nach von viel zu vielen wohlwollenden Menschen, im wahrsten Sinne des Wortes, übersehen wird:

Wie bereits eingangs beschrieben sind die allermeisten von uns zu einer schwarz-weiß Denke in Bezug auf Flüchtlinge übergegangen, die wenig Platz für Differenzierung lässt. Die folgenden Sätze mögen harsch klingen, deswegen möchte ich hier noch einmal klarstellen, dass mir ein gutes Leben, oder ein guten Lebensabschnitt für Flüchtlinge hier bei uns am Herzen liegt.

In letzter Zeit wird von einigen Personen immer wieder euphorisch über “Diversität” und deren Vorteile und Möglichkeiten geschrieben und gesprochen. Beim Thema Integration gab es auch einen Schwenk hin zu einer Sprache der “Inklusion”, welche von einer Annäherung “beider Seiten” spricht – im Sinne der Diversität. Was man dabei nur nicht vergessen darf: diese positive Seite der Verschiedenheit trägt erst dann wirklich Früchte, wenn man die eigene Besonder- und “Andersheit” reflektiv betrachten und als nicht unverrückbar annehmen kann.

Eine Diversitätspolitik, welche jeden so sein lässt wie dieser halt ist, verschmäht viel benötigtes Wachstum und moralische Reifung und führt unreflektiert zu viel Konfliktpotential. Ohne Frage gilt es die persönliche Geschichte zu bewahren, eine heikle und private Sache bei Migration.

Allerdings muss aus meiner Sicht ganz einfach akzeptiert werden, dass man nun in einem anderen Land und somit auch in einer anderen Kultur lebt, die es anzunehmen gilt. Ein sehr gutes, wenn auch nicht einwandfreies Beispiel dafür sind die USA wo ein jeder seine eigene Familiengeschichte zu erzählen weiß, man aber als Amerikaner diese “Geschichte” auch Vergangenheit sein lässt.

Für Gruppierungen und “Ghettoisierungen” haben wir keinen Bedarf. Die Art von Zusammenleben mit Migranten welche funktioniert ist Assimilation, zumindest laut dem niederländischen Forscher Ruud Koopmanns.

Um vom Theoretischen wieder ins Konkrete zu kommen: Wirklich relevant ist, ob Menschen generell (aber vor allem Flüchtlinge) wo sie derzeit sind eine Zukunft für sich sehen an die sie glauben können. Für Flüchtlinge bedeutet das eine Zukunft über den Deutschkurs hinaus. Gerade wenn ich von Zeit zu Zeit eine Gruppe jugendlicher Flüchtlinge sehe, frage ich mich das: sehen diese jungen Menschen eine Zukunft? Und wie können wir ihnen so eine Zukunft bieten? Ganz konkret und das ist der springende Punkt für eine funktionierende Gesellschaft: Wie können wir Menschen eine soziale Zukunft, also den Kontakt mit “Einheimischen” und Menschen außerhalb ihrer homogenen Gemeinschaft ermöglichen?

Für wirklich effektive und langfristige wirkende Initiativen muss man nicht einmal viel weiter schauen als was zu einer Verbreiterung des Freundeskreis über die Bekannten der Eltern hinaus für junge Menschen führt: Wiederkehrende Treffen mit einem Ziel. Damit ist zuerst die Schule, und in späteren Jahren auch die Arbeit gemeint, aber auch Kurse, Vereine und Treffen, welche wiederholende Ereignisse mit Einbindungsfaktor bieten. Ganz konkret könnte so etwas bedeuten, dass etwa die Stadt Graz die Teilnahme von Flüchtlingen an ihren Sommerangeboten forciert. In solchen Gruppen, etwa im Sport, auf Augenhöhe aufgenommen zu werden hat einen enorm positiven Effekt und ist genau diese Chance der Bereicherung durch Diversität die gewünscht und möglich ist.

Zu guter Letzt möchte ich noch einmal ein riesiges Lob für die humanitäre Art der Kirche generell und der Caritas im besonderen im Umgang mit der Flüchtlingskrise aussprechen. Obwohl diese Menschen einen anderen Glauben haben, und zwar geschichtlich gesehen einen ganz heiklen, ist die Art wie sich die Kirche als Gemeinschaft um das Leid und auch das Glück der Menschen annimmt unglaublich lobenswert!

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